über das neue #1

Das Neue ist unausweichlich, unvermeidlich, unverzichtbar. Es gibt keinen Weg, der aus dem Neuen führt, denn ein solcher Weg wäre auch neu. Es gibt keine Möglichkeit, die Regeln des Neuen zu brechen, denn ein solcher Bruch ist genau das, was die Regeln erfordern. Und in diesem Sinne ist die Forderung nach Innovation, wenn man will, die einzige Realität, die in der Kunst zum Ausdruck gebracht wird. Denn unter Realität versteht man das Unausweichliche, Unverfügbare, Unverzichtbare. Indem die Innovation unverzichtbar ist, ist sie Realität. Real sind also nicht die Sachen selbst, die hinter ihren kulturellen Beschreibungen und Darstellungen angeblich verborgen sind, so daß man zu ihnen vordringen oder in sie eindringen müßte, sondern real sind die Verhältnisse zwischen kulturellen Aktivitäten und Produkten – die Hierarchien und Werte, die unsere Kultur bestimmen. Das Streben nach dem Neuen manifestiert die Realität unsrer Kultur gerade dann, wenn es von allen ideologischen Motivierungen und Rechtfertigungen befreit wird und die Unterscheidung zwischen wahrer, authentischer Innovation und unwahrer, nichtauthentischer Innovation fallengelassen wird.

boris groys, »Über das Neue« (1992).

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