Nicolas Kretz antwort an musikFabrik

Das ensemble musikFabrik spielt gerne alte musik und zahlt hochschulabsolventen für einjähriges praktikum €5.40 die stunde unter folgenden bedingungen:

Gesucht wird für den Zeitraum 21.10.2013 – 20.10.2014 ein(e) Assistent(in). Der Arbeitsschwerpunkt liegt dabei im Projektmanagement.

Zu Ihren Aufgaben gehören:
Projektkoordination (Proben, Konzerte, Tourneen, Aufnahmen),
Kommunikation mit Veranstaltern,
Terminplanung und Erstellung von Probenplänen,
Reisedisposition,
allgemeine administrative Tätigkeiten.

Sie sollten:
mit Microsoft Word, Excel und Outlook sicher umgehen,
auch unter Druck strukturiert arbeiten,
Einsatzbereitschaft und Engagement mitbringen,
Englisch in Wort und Schrift sicher beherrschen.

Dieses Angebot richtet sich an Absolventen. Sie sollten sich für ein Jahr in der musikFabrik verpflichten können. Die Regelwochenarbeitszeit beträgt 40 Stunden und schließt Abend- und Wochenenddienste sowie die Begleitung von Konzertreisen ein. Wir bieten als Aufwandsentschädigung eine monatliche Pauschale von 950 EUR brutto an und übernehmen u.U. die Kosten für eine Monatsfahrkarte des öffentlichen Nahverkehrs.

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Dabei handelt es sich um durchschnittlich 50 konzerte mit 30 uraufführungen jährlich. Das heisst ca. 4 konzerte mit 3 uraufführungen monatlich. Wer weiss, was

“Projektkoordination (Proben, Konzerte, Tourneen, Aufnahmen), Kommunikation mit Veranstaltern, Terminplanung und Erstellung von Probenplänen, Reisedisposition”

ist, weiss auch, dass all dies für €5.40 mit der genannten anzahl von veranstaltungen zu höchstens 25% geleistet werden darf.

Die stammkunden des ensembles sind Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, Georg Friedrich Haas, Helmut Lachenmann usw. Younghi Pagh-Paan setzt ihre und Wolfgang Rihm seine schüler durch. Eine glückliche familie auf sicheren institutionellen säulen. Das ist auch eine ganz typische situation im kulturbetrieb: am anfang hieß es “lebe lang”, das ende klang wie grabgesang. Stockhausen still serves imperialism.

Nicolas Kretz hat auf das stellenangebot mit der mail an musikFabrik reagiert:

Sehr geehrte Damen und Herren des Ensembles Musikfabrik,

ich möchte ihnen hiermit zu ihrer äußerst gelungenen Satire zur aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt und dem im künstlerischen Bereich und dessen Umfeld gängigen Hang zur Selbstausbeutung gratulieren.

Schon mit der eröffnenden Selbstbeschreibung des Ensembles als einem Hort der kreativen Selbstbestimmung und demokratischer Organisationsstruktur, sowie des Internationalen Renomees, das mit den ausgesuchten Interpretationen sowie Auftragskompositionen einhergeht, gelingt es ihnen beim Leser eine wohlwollende Voreingenommenheit für das kommende zu erzeugen.

Hut ab für ihren Mut, sich selbst für diese Satire herzugeben, denn was folgt lässt einen das vorangegangene Wohlwollen doch recht schnell vergessen.

Es erinnert an die vielen Berichte in den Medien über die “Generation Praktikum” die sich – hochqualifiziert – von einem als “Chance auf Entwicklung” bezeichneten Praktikum zum nächsten hangelt und dabei harte Arbeit verrichtet, ohne dafür auch nur im Ansatz angemessen bezahlt zu werden.

Die von ihnen hier gestellten hohen Anforderungen, angefangen bei Sprach- und Computerkenntnissen sowie der Bereitschaft zu Überstunden und unter Druck gut arbeiten zu können, stehen exemplarisch für obengenanntes – fast wie aus einem Lehrbuch. Es wird sich hier ja nicht umsonst an Hochschul-Absolventen gewandt.

Das aufgerufene Bruttogehalt von 950 € ist eine schmerzhafte Erinnerung an das Fehlen eines einheitlichen Mindestlohnes, sowie ein mahnender Fingerzeig an alle Berufsanfänger, nicht jedem auf den ersten Blick attraktiven Jobangebot unüberlegt nachzugehen.

Geht man bei dem von ihnen so trefflich persiflierten “Job-Angebot”, von 22 Arbeitstagen im Monat aus, macht das 176 Stunden. 950 Euro entspricht dann einem Stundenlohn von weniger als 5,40 €. Nicht zu vergessen, brutto, d.h. netto bleibt noch weniger. Wie sollte man sich davon eine Wohnung finanzieren? Dazu in Köln, wo eine 1-Zimmerwohnung mit 16qm ab ca. 285 € kalt zu bekommen ist. (Kurzer Blick auf http://www.wg-gesucht.de/1-zimmer-wohnungen-in-Koeln.73.1.0.0.html). Von den Kosten für Nahrung und etwas Freizeitgestaltung ganz abgesehen.

Dass sie diesen Hungerlohn als Aufwandsentschädigung bezeichnen halte ich für eine gelungene Finte in Richtung der in der politischen Umgangssprache gebräuchlichen Euphemismen wie Job-Center, Leiharbeit oder Wiedereingliederungsmaßnahmen.

Auch entbindet dieses Wort den damit Angesprochenen davon, diese Stelle als Vollzeitarbeitsstelle zu sehen, da es sich – diesem Duktus gemäß – hierbei ja vor allem um eine Chance für BewerberInnen handeln soll, die

“sich für Neue Musik begeistern und gerne in einem kreativen Umfeld arbeiten”

und nicht um einen Knochenjob, in dem regulär das dreifache bezahlt wird.

Jedem der schonmal kurzfristig für eher wenig Lohn für die Sache der Kunst/Kultur gearbeitet hat, ist sich natürlich darüber im Klaren, dass nicht jede Einrichtung einen Mindestlohn o.ä. leisten kann. Aber davon ist hier ja auch nicht die Rede.

Da sie – wie eingangs erwähnt – diese Arbeitsstelle ja vorgeblich für ihr eigenes Ensemble anbieten, ist der letzte Punkt der Satire sicher die Unterfinanzierung, unter der hochrangige Musikalische Institutionen wie die ihre leiden.

Hier wird deutlich dass es nichts hilft wenn in einem Kuratorium vom Kulturdezernent der Stadt Köln bis hin zum Präsident des Deutschen Bundestages, alle wichtigen zuständigen Vertreter aus Kultur und Politik vertreten sind und dass die Finanzierung immer nur unter dem wünschenswerten Niveau bleiben kann, auch wenn eine Fördererliste (http://musikfabrik.eu/netzwerk/aktuelle-foerderer.html) einen anderen Eindruck erwecken mag.

Unter welchen Umständen als unter chronischem, existenziellen Geldmangel, sollte ein Ensemble mit ihren Meriten sonst ein derartig auf die längerfristige Ausbeutung eines jungen Menschen angelegtes Angebot unterbreiten?

Ich möchte abschließend noch einmal betonen, für wie mutig ich es von ihnen halte, ihren eigenen Namen in diesen Text einzubringen, der schmerzhaft an die bestehenden Unzulänglichkeiten erinnert, die leider gängige Praxis sind.

Ich hoffe dass er allen eine Mahnung ist, dass junge Menschen für den Kulturbetrieb nicht zum Nulltarif zu haben sind.

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Nicolas Kretz

Student der Elektronischen Komposition am ICEM Essen

(via couldntfindabomb)

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