ich bin schizo 7

1965 beschrieb dick higgins den ihm zeitgenössichen materialstand der kunst als intermedial. in seinem artikel «statement on intermedia» konstatierte er, dass immer wieder mehr kunstwerke entstehen, die mehrere medien miteinbeziehen und ihre wirkung auf der intermedialen ebene entfalten. nach dieser auffassung sind die medien noch trennbar. im kontext eines kunstwerkes kommt es zu wechselwirkungen und zum ineinanderdringen der medien, wobei es sich nicht um ein bloßes zusammensetzen handelt, sondern um eine fusion auf der inhaltlichen (und noch nicht auf der medialen bzw. physischen) ebene. jedes prämedium ist ein unverzichtbarer teil des kunstwerkes. higgins plädierte in dem text für das schaffen von werken nach dem paradigma. dabei nahm er bezug auf seine eigene arbeit sowie auf die werke u.a. von marcel duchamp, allan kaprow, robert rauschenberg, john cage und nam june paik.

durch den technischen fortschritt und die digitalisierung ist heutzutage die wahre zeit der intermedialität angekommen. dabei handelt es sich nicht mehr bloß um eine “konzeptuelle fusion” der medien, sondern um medienunspezifische phänomene, um eine art medienindifferenz (z.b. umsetzung desselben stoffes in verschiedenen medien). diese weitere stufe der hybridisierung lässt sich unter dem begriff der transmedialität zusammenfassen: die medien verschmelzen nun medial. und durch die digitalisierung wird diese transferenz erst möglich. dieses ineinanderdringen ereignet sich qualitativ im neuen, bisher nie dagewesenen umfang, da jedes medium die lingua franca spricht – die universelle sprache des bits. unter den bedingungen der totalen integration lässt es sich von einem medienverbund sprechen: der begriff des mediums versteht sich nur als pluraletantum.

davon ausgehend entsteht das kunstkonzept eines neuen gesamtdatenwerkes oder eines medialen gesamtkunstwerkes, das ontologisch intermedial sei, als hätten sich alle medialitäten und deren differenziale “an einem ort” eingefunden, damit wir sie da immer “im laufenden prozess beobachten können.
hier verschwinden die medialen unterschiede überhaupt; schrift, bild und ton bestehen bei der digitalen prozedur nicht aus dem eigenen material, sondern aus den im grunde genommen homogenen binären zahlen. sie strahlen vertrautheit wie analoge medialitäten der moderne aus, aber nur auf den polierten oberflächen, darunter bleiben sie reine ziffern.

durch die immer-noch-potenz der heutigen noch-nicht-postmedien etwas materielles zu repräsentieren, und zwar auf der lingua franca, ergibt sich der anschluss an die hier behandelte problematik der ideologiekritik: durch die immer-noch-repräsentation von dem wirklich objekthaften wird das thematisieren der ideologiekritischen dimension möglich im sinne der verhüllten differenz zwischen der realität und der wirklichkeit.

glasfaserkabel übertragen eben jede denkbare information außer der einen, die zählt – der bombe.

darüber hinaus lässt sich gegenwärtig ein anderes mediales phänomen beobachten, nämlich das der zunehmenden verschmelzung des menschlichen körpers und der medien. in diesem zusammenhang entsteht eine neue medialität: die postmedialität. im grunde genommen handelt es sich dabei um die verschiebung der grenzen von autonomieräumen: die maschine wird menschlicher und der mensch wird maschinenhafter, die handlungsautonomie des menschen löst sich zunehmend auf, da sein handeln durch die funktionsweise der maschine bestimmt wird. so beispielsweise schaffen gps-navigationssysteme situationen, die die menschliche handlung immens beeinflussen (selke). immer mehr “menschliche” aufgaben übernehmen produkte der technologie. und der mensch folgt der maschine maschinenhaft. das funktionsprinzip wird zum handlungsprinzip.

millionen tragen heutzutage implatate und neuroprothesen, die wichtige körperfunktionen übernehmen und wissenschaftler arbeiten an gehirngesteuerten computern. der mensch der zukunft ist also kein kranker mit prothesen, sondern ein gesunder superheld mit extratools. chinesische unternehmen lassen ihre mitarbeiter helme tragen, die den physischen und psychischen zustand der arbeiter einschätzen sollen, um die effizienz der produktion zu steigen: in einem chinesischen gulag wird ein sklave gekrönt: die ideologie bohrt ins herz. durch das permanente livelogging (allan, o‘hara, sonvilla-weiss) z.b. in form von stories in den sozialen netzwerken (byrne) verschmizt der ohnehin konstruierte lebenslauf mit dem server. heutzutage ist es immer bewölkt und das private gehört ebenso in die cloud.

wir beobachten seit jahrzehnten steigende miniaturisierung und dematerialisierung von heutigen medien. im zeitalter der postmedialität würden die grenzen zwischen den medien und dem menschlichen körper verwischen. durch das eindringen in den körper, in ihr nervensystem würden menschen einen konstanten zugang zur globalen cloud haben. auf diese art würde ein vernetztes cerebrum entstehen. dabei ist es auch nicht auszuschließen, dass alle wahrnehmungssinne zu einem und die medien eins mit dem körper werden. so würde sich das hypermedium herausbilden: der sich auf der entsprechenden evolutionsstufe befindende biocyborg der transhumanen gesellschaft.

wir leben in einem neuen stadium des kapitalismus, in dem materielle und immaterielle produktion, wissen, kommunikation und künstlerisches handeln in ein und demselben prozess der realwerdung einer kollektiven intelligenz verschmelzen.

der nächste konsequente schritt wäre die befreiung des menschlichen wesens von seiner dreckigen körperlichkeit und unnötigen sterblichkeit. in diesem sinne würde ideologie ihr heiß ersehntes ziel endlich erreichen: über die situation, in der der biocyborg auf der bionischen ebene aus der ideologie nicht austreten kann, zu der situation, in der der körper nicht mehr nötig sein wird und das mit den medien in der cloud fusionierte bewusstsein in der zukunft zum eigentlichen medium der ideologie wird: die ideologie und das bewusstsein werden endlich eins. die medien, wie wir sie kannten, würden als solche verschwinden und mit dem körper verschmelzen, was sie im ideologischen sinne höchst effizient machen würde. das wäre das logische ende/der neubeginn: die kunst – wie wir sie kennen – wäre dann nicht mehr nötig, da der mensch unsterblich wäre und die schizophrenen schmerzen durch die organische vereinigung der ideologie und des bewusstseins sowieso komplett behandelt wären: der kampf wäre irreversibel verloren. und eine violine wäre dann nur noch im museum zu sehen.

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