ich bin schizo 10

die meisten musikstücke sprechen eine fremdsprache : eine in der verzweiflung gepflegte musiksprache. als ursache hat dieser status quo die ideologische ausweglosigkeit. als künstler ist man verzweifelt im kampf und beruhigt in sich. die meisten heutzutage geschriebenen, zu aufführenden und aufgeführten werke sind immer noch weiße fahnen vor den truppen der ideologie. l‘art pour l‘art, l‘art des désespérés. die argumente beim ergeben sind üblich: man kann ja ohnehin nichts tun, also fällt sich die opportunistische entscheidung “apolitisch” – oder faktisch: naiv – zu bleiben und sich mit dem 72. oberton zu beschäftigen leicht. die haltung ist die einer beute im fangeisen, die sich vergeblich versucht zu erlösen. die eidechse verliert den schwanz, ein neuer wächst schnell nach und der meister beschäftigt sich schließlich mit dem 73. oberton, was ihn augenblicklich und unausweichlich in die nächste falle steuert. die heiligen behaupten irrtümlich: bleibt die scheiße unangetastet, stinkt sie nicht. die neue musik als kunstsparte bleibt aber weiterhin ein schizophrener waschsalon der industriegelder.

die shizophrenie spiegelt sich auch im klangbegriff selbst wider, der heutzutage keine eindeutige identität besitzt: er wird ad hoc für die gerade angestrebten ziele instrumentalisiert: für einen ist es fagottmultiphonic, für den anderen ist es ein violinschlüssel vor dem bild einer atombombe: ein vorbild der guten schlampigkeit! nichtsdestotrotz sind in den letzten jahren einige werke im bereich der neuen musik entstanden, die es sich zu aufgabe machen, die sich viel zu schnell aktualisierende sprache der ideologie zu erlernen. immerhin kommt es darauf an, wofür man das maul nicht hält, nachdem man sich beim sprachkurs mühe gegeben hat. die neue musik ist ein ausländer im land der ideologie, ist beim siemens-jobcenter angemeldet und muss zum intergrationskurs. jedoch hat dieser schizophrene sprachunterricht eine enorme bedeutung für den künstlerischen zugang zum klassenkampf. es geht im grunde genommen nicht darum, dass man “arbeiter” zum musizieren anregt und mit ihnen “vermittlungsprojekte” macht, die sie auf eine halbpädagogische-halbüberhebliche art und weise “aufklären” sollen. der einzige künstlerische anschluss an den klassenkampf kann über die mechanismen der ideologie zur generierung von wirklichkeiten selbst gewährleistet werden. die ideologiekritik devalviert zum aktiven beobachten der zynischen differenz zwischen der realität und den wirklichkeiten. sie kann nicht praktiziert werden im sinne eines versuches aus der ideologie auszutreten oder etwas per se nicht-ideologisches zu tun, sondern im thematisieren genau der unmöglichkeit dieses austrittes.

das kunstwerk etabliert demnach eine eigene realität, die sich von der gewohnten realität unterscheidet. es konstruiert, bei aller wahrnehmbarkeit und bei aller damit unleugbaren eigenrealität, zuglleich eine dem sinne nach imaginäre oder fiktionale realität. die welt wird, wie in anderer weise auch durch den symbolgebrauch der sprache oder durch die religiöse sakralisierung von gegenständen oder ereignissen, in eine reale und eine imaginäre realität gespalten. offenbar hat die funktion der kunst es mit dem sinn dieser spaltung zu tun – und nicht einfach mit der bereicherung des ohnehin vorhandenen durch weitere (und seiein es »schöne«) gegenstände.
die imaginäre welt der kunst – so wie in anderer weise auch die welt der sprache mit ihrer möglichkeit der fehlverwendung von zeichen oder der welt der religion – bietet eine position, von der aus etwas anderes als realität bestimmt werden kann.
ohne solche differenzmarkierungen wäre die welt einfach das, was sie ist, und so, wie sie ist. erst die konstruktion einer unterscheidung von realer und fiktionaler realität ermöglicht es, von der einen seite aus die andere zu beobachten.

(luhmann, die kunst der gesellschaft)

die welt ist ohnehin nicht das, was sie zu sein scheint. übersetzt in unsere begriffe, ist die “reale realität” wirklich und die “imaginäre realität” ist hingegen unerreichbar real, da die ideologie unaufhörlich neue verfahren kreiert, ständig ihre sprache nachrüstet und neue für sie gerade notwendige medien entwickelt, um die schon bestehenden wirklichkeiten weiterhin zu zersplittern. die funktion der kunst bestünde schließlich im thematisieren der spaltung nicht nur in der dyade wirklichkeit/realität, sondern auch der durch das letztere verursachten spaltung in den in der kapitalistischen irrenanstalt befindlichen patienten. dieses potenzial der linderung der schizophrenen agonie realisiert die kunst durch die wirkliche imagination, durch das imaginäre modellieren der bedingungen der realen unmöglichkeit den ideologischen raum zu verlassen. und wenn die kunst dafür das maul aufmalt, flüstert sie auf der indigenen sprache. das medium der kunst <= das medium der ideologie. da das letztere immer weiter unerschöpflich und mit einer eingeübten virtuosität fabriziert wird, wäre der allgemeine materialfortschritt der kunst ebenso unerschöpflich bzw. bis die kunst noch nötig bleibt.

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