ich bin schizo 12

in der kunst ist es viel einfacher, alles in den nebel zu hüllen, als etwas klares zu sagen. (zoya cherkassky-nnadi in einem privaten gespräch)

das stimmt, wenn auch nur teilweise, da es beim versuch etwas klares im nebel zu sagen, in dem wir uns schließlich befinden, wesentlich vertrackter wird. die ideologie mit ihrer falschen poesie tritt höchsteffizient als der gnadenloseste poet der gegenwart auf. die ideologik der verzerrten bzw. der falschen abbildung, der verschleierung der realität liefert eine grundlage für die ideologiekritische auseinandersetzung innerhalb des kunstwerkes. es handele sich im grunde genommen um das internalisieren der ideologik, um ihre gleichzeitige umwertung und um ihre auslegung nach einer ideologiekritischen konzeption. künstlerisch gesehen liefe dieses verfahren letzendlich auf ein poetisches hinaus, aber nicht im sinne vom eskapismus, sondern – ganz im gegenteil – im sinne vom direkten herangehen an das verhältnis zwischen den wirklichkeiten und der unzugänglichkeit der realität. man gucke bei dem größten poet ab, klaue das verfahren und liefere vergeblich eine schizophrenie lindernde injektion. es liefe auf das schaffen von mindestens ambivalenten referenzen, auf die schizopoesie hinaus, die die reziepienten gnadenlos zwingt zu interpretieren: was die ideologie gerade nicht tut, denn sie überzeugt.

im gemeinen leben kommen wir mit der sprache notdürftig fort, weil wir nur oberflächliche verhältnisse bezeichnen. sobald von tiefren verhältnissen die rede ist, tritt sogleich eine andre sprache ein, die poetische. (goethe)

die alltagssprache muß dieselben worte in vielfältigen zusammenhängen verwenden und ist deshalb auf ein abschleifen des sinngehalts und auf sätze als verständnishilfen angewiesen. sie versucht zugleich, möglichst eindeutige denotationen herzustellen, und erreicht dieses ziel über namengebung und über konstruktion von abstrakten gegenständen, begrifflichen korrelaten, ideen. die dichterische sprachverwendung operiert in gegenrichtung – und wieder: sei es mit, sei es ohne die beihilfe von sätzen. sie reflektiert den gebrauch von sprache – so als ob sprache wie anderes material etwas sei, das man in der welt vorfindet. (kursiv – aw) sie benutzt nicht die denotationen, sondern die konnotationen der worte und setzt damit die worte als medium voraus, in dem einander wechselseitig auswählende konnotationen formen bilden können. (luhmann)

dieses verfahren setzt entfremdung voraus: man behandele objekte, phänomene sowie sinngehalte ausgeprägt in einem entsprechenden medium, als ob sie etwas anderes wären, als sie in der wirklichkeit sind: dies ist im grunde genommen die operierensweise der ideologie: das daseiende (bzw. das durch die ideologie zur ideologie werdende dasein (adorno, horkheimer)) wird anders dargestellt, als es ist. man schaffe poetische zusammenhänge und stelle konnotationen zwischen den objekten – bestandteilen des kunstwerkes – her. es handelt sich dabei um das erzeugen von referenznetzen: das kunstwerk werde zu einem schizopoetischen netzwerk, dessen knoten die komponenten in entsprechenden medialen ausprägungen sind. das netzwerk bleibt medial indifferent, da es nicht auf die medien als solche ankommt, sondern darauf, was durch die medien in dem gesamten netz kommuniziert wird, wobei die mediale indifferenz im endeffekt auf den gegenwärtigen stand der medialität hinauslaufen würde. es handelt sich aber keinesfalls um eine bloße zusammenstellung von medien – in dem fall das einzige, was bliebe, wären die schizophrenen ohrenschmerzen –, sondern um die gezielte (negative) affirmation der ideologik, um das schaffen von gespaltenen wirklichkeiten innerhalb des kunstwerkes, um das hinweisen darauf, dass die wirkliche wirklichkeit nicht verlassen und dass die realität nicht erlebt werden kann.

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