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hidden in plain sight (fassung 2018)

eine push-nachricht : terroranschlag, wieder
wird auf dem touchscreen weggewischt : alltag
betäubt wegschauen, geblendet weghören
wenn wir die welt mit unseren ohren in dem maße wahrnehmen würden, wie mit den augen, würde die welt ganz anders aushören
« …the world is not for beholding. it is for hearing. it is not legible, but audible. » (jacques attali)
ohren denken
eine push-nachricht : tastenanschlag, wieder


ensemble new babylon
claudia birkholz, klavier

ich bin schizo 12

in der kunst ist es viel einfacher, alles in den nebel zu hüllen, als etwas klares zu sagen. (zoya cherkassky-nnadi in einem privaten gespräch)

das stimmt, wenn auch nur teilweise, da es beim versuch etwas klares im nebel zu sagen, in dem wir uns schließlich befinden, wesentlich vertrackter wird. die ideologie mit ihrer falschen poesie tritt höchsteffizient als der gnadenloseste poet der gegenwart auf. die ideologik der verzerrten bzw. der falschen abbildung, der verschleierung der realität liefert eine grundlage für die ideologiekritische auseinandersetzung innerhalb des kunstwerkes. es handele sich im grunde genommen um das internalisieren der ideologik, um ihre gleichzeitige umwertung und um ihre auslegung nach einer ideologiekritischen konzeption. künstlerisch gesehen liefe dieses verfahren letzendlich auf ein poetisches hinaus, aber nicht im sinne vom eskapismus, sondern – ganz im gegenteil – im sinne vom direkten herangehen an das verhältnis zwischen den wirklichkeiten und der unzugänglichkeit der realität. man gucke bei dem größten poet ab, klaue das verfahren und liefere vergeblich eine schizophrenie lindernde injektion. es liefe auf das schaffen von mindestens ambivalenten referenzen, auf die schizopoesie hinaus, die die reziepienten gnadenlos zwingt zu interpretieren: was die ideologie gerade nicht tut, denn sie überzeugt.

im gemeinen leben kommen wir mit der sprache notdürftig fort, weil wir nur oberflächliche verhältnisse bezeichnen. sobald von tiefren verhältnissen die rede ist, tritt sogleich eine andre sprache ein, die poetische. (goethe)

die alltagssprache muß dieselben worte in vielfältigen zusammenhängen verwenden und ist deshalb auf ein abschleifen des sinngehalts und auf sätze als verständnishilfen angewiesen. sie versucht zugleich, möglichst eindeutige denotationen herzustellen, und erreicht dieses ziel über namengebung und über konstruktion von abstrakten gegenständen, begrifflichen korrelaten, ideen. die dichterische sprachverwendung operiert in gegenrichtung – und wieder: sei es mit, sei es ohne die beihilfe von sätzen. sie reflektiert den gebrauch von sprache – so als ob sprache wie anderes material etwas sei, das man in der welt vorfindet. (kursiv – aw) sie benutzt nicht die denotationen, sondern die konnotationen der worte und setzt damit die worte als medium voraus, in dem einander wechselseitig auswählende konnotationen formen bilden können. (luhmann)

dieses verfahren setzt entfremdung voraus: man behandele objekte, phänomene sowie sinngehalte ausgeprägt in einem entsprechenden medium, als ob sie etwas anderes wären, als sie in der wirklichkeit sind: dies ist im grunde genommen die operierensweise der ideologie: das daseiende (bzw. das durch die ideologie zur ideologie werdende dasein (adorno, horkheimer)) wird anders dargestellt, als es ist. man schaffe poetische zusammenhänge und stelle konnotationen zwischen den objekten – bestandteilen des kunstwerkes – her. es handelt sich dabei um das erzeugen von referenznetzen: das kunstwerk werde zu einem schizopoetischen netzwerk, dessen knoten die komponenten in entsprechenden medialen ausprägungen sind. das netzwerk bleibt medial indifferent, da es nicht auf die medien als solche ankommt, sondern darauf, was durch die medien in dem gesamten netz kommuniziert wird, wobei die mediale indifferenz im endeffekt auf den gegenwärtigen stand der medialität hinauslaufen würde. es handelt sich aber keinesfalls um eine bloße zusammenstellung von medien – in dem fall das einzige, was bliebe, wären die schizophrenen ohrenschmerzen –, sondern um die gezielte (negative) affirmation der ideologik, um das schaffen von gespaltenen wirklichkeiten innerhalb des kunstwerkes, um das hinweisen darauf, dass die wirkliche wirklichkeit nicht verlassen und dass die realität nicht erlebt werden kann.

ich bin schizo 11

das bezugnehmen auf den alltag in einer künstlerischen arbeit, die kritische auseinandersetzung mit der unmittelbaren umgebung des kunstwerkes und seines entstehens ist spätestens seit duchamp keine neuigkeit. gleichwohl entstehen verstärkt und verspätet in letzten jahren denkweisen auch im bereich der neuen musik, die als unmittelbare reaktion auf die sich immer weiter expandierte ideologie sowie auf die dadurch immer rasanter zunehmende schizophrenie unserer gegenwart zu interpretieren sind. so befasst sich beispielsweise der begriff der diesseitigkeit als phänonenologie der gegenwärtigen entwicklungen im bereich der neuen musik sowie als arbeitsmotto (n.a. huber) zugleich mit dem problem schon in dem sinne, dass die basis dieser herangehensweise eine künstlerische auseinandersetzung mit den zu erlebenden wirklichkeiten ist. immerhin fehlt dabei eine komponente, die darauf einginge, was hinter den wirklichkeiten steckt – sprich, auf die realität und ihre durch die ideologie verursachte unzugänglichkeit. so weist nicolaus a. huber darauf hin, dass der begriff der diesseitigkeit als solcher undialektisch sei und eine gewisse jenseitigkeit dazu auch gehöre. dem begriff fehle der gegenpol. wobei die dyade diesseits/jenseits hier keinesfalls im metaphysichen sinne (leben nach dem tod oder ähnlicher blödsinn) zu verstehen ist, sondern als verhältnis zwischen den diesseitigen wirklichkeiten und der durch die ideologie jenseits unzugänglichen realität. die funktion der kunst bestehe dann im zeigen der unmöglichkeit des zeigens dieser zum teil und nach kräften imaginäre differenz zwischen den wirklichkeiten und der realität. und in dieser differenz, in der kompletten verschleierung der realität, im verzerren der sachverhalte bis zur unkenntlichkeit, im erheben der realität wegen ihres fatalen unzugänglichseins zu einer art gottheit, im verleihen ihr den status des erhabenen besteht die falsche poesie der ideologie.

ich bin schizo 10

die meisten musikstücke sprechen eine fremdsprache : eine in der verzweiflung gepflegte musiksprache. als ursache hat dieser status quo die ideologische ausweglosigkeit. als künstler ist man verzweifelt im kampf und beruhigt in sich. die meisten heutzutage geschriebenen, zu aufführenden und aufgeführten werke sind immer noch weiße fahnen vor den truppen der ideologie. l‘art pour l‘art, l‘art des désespérés. die argumente beim ergeben sind üblich: man kann ja ohnehin nichts tun, also fällt sich die opportunistische entscheidung “apolitisch” – oder faktisch: naiv – zu bleiben und sich mit dem 72. oberton zu beschäftigen leicht. die haltung ist die einer beute im fangeisen, die sich vergeblich versucht zu erlösen. die eidechse verliert den schwanz, ein neuer wächst schnell nach und der meister beschäftigt sich schließlich mit dem 73. oberton, was ihn augenblicklich und unausweichlich in die nächste falle steuert. die heiligen behaupten irrtümlich: bleibt die scheiße unangetastet, stinkt sie nicht. die neue musik als kunstsparte bleibt aber weiterhin ein schizophrener waschsalon der industriegelder.

die shizophrenie spiegelt sich auch im klangbegriff selbst wider, der heutzutage keine eindeutige identität besitzt: er wird ad hoc für die gerade angestrebten ziele instrumentalisiert: für einen ist es fagottmultiphonic, für den anderen ist es ein violinschlüssel vor dem bild einer atombombe: ein vorbild der guten schlampigkeit! nichtsdestotrotz sind in den letzten jahren einige werke im bereich der neuen musik entstanden, die es sich zu aufgabe machen, die sich viel zu schnell aktualisierende sprache der ideologie zu erlernen. immerhin kommt es darauf an, wofür man das maul nicht hält, nachdem man sich beim sprachkurs mühe gegeben hat. die neue musik ist ein ausländer im land der ideologie, ist beim siemens-jobcenter angemeldet und muss zum intergrationskurs. jedoch hat dieser schizophrene sprachunterricht eine enorme bedeutung für den künstlerischen zugang zum klassenkampf. es geht im grunde genommen nicht darum, dass man “arbeiter” zum musizieren anregt und mit ihnen “vermittlungsprojekte” macht, die sie auf eine halbpädagogische-halbüberhebliche art und weise “aufklären” sollen. der einzige künstlerische anschluss an den klassenkampf kann über die mechanismen der ideologie zur generierung von wirklichkeiten selbst gewährleistet werden. die ideologiekritik devalviert zum aktiven beobachten der zynischen differenz zwischen der realität und den wirklichkeiten. sie kann nicht praktiziert werden im sinne eines versuches aus der ideologie auszutreten oder etwas per se nicht-ideologisches zu tun, sondern im thematisieren genau der unmöglichkeit dieses austrittes.

das kunstwerk etabliert demnach eine eigene realität, die sich von der gewohnten realität unterscheidet. es konstruiert, bei aller wahrnehmbarkeit und bei aller damit unleugbaren eigenrealität, zuglleich eine dem sinne nach imaginäre oder fiktionale realität. die welt wird, wie in anderer weise auch durch den symbolgebrauch der sprache oder durch die religiöse sakralisierung von gegenständen oder ereignissen, in eine reale und eine imaginäre realität gespalten. offenbar hat die funktion der kunst es mit dem sinn dieser spaltung zu tun – und nicht einfach mit der bereicherung des ohnehin vorhandenen durch weitere (und seiein es »schöne«) gegenstände.
die imaginäre welt der kunst – so wie in anderer weise auch die welt der sprache mit ihrer möglichkeit der fehlverwendung von zeichen oder der welt der religion – bietet eine position, von der aus etwas anderes als realität bestimmt werden kann.
ohne solche differenzmarkierungen wäre die welt einfach das, was sie ist, und so, wie sie ist. erst die konstruktion einer unterscheidung von realer und fiktionaler realität ermöglicht es, von der einen seite aus die andere zu beobachten.

(luhmann, die kunst der gesellschaft)

die welt ist ohnehin nicht das, was sie zu sein scheint. übersetzt in unsere begriffe, ist die “reale realität” wirklich und die “imaginäre realität” ist hingegen unerreichbar real, da die ideologie unaufhörlich neue verfahren kreiert, ständig ihre sprache nachrüstet und neue für sie gerade notwendige medien entwickelt, um die schon bestehenden wirklichkeiten weiterhin zu zersplittern. die funktion der kunst bestünde schließlich im thematisieren der spaltung nicht nur in der dyade wirklichkeit/realität, sondern auch der durch das letztere verursachten spaltung in den in der kapitalistischen irrenanstalt befindlichen patienten. dieses potenzial der linderung der schizophrenen agonie realisiert die kunst durch die wirkliche imagination, durch das imaginäre modellieren der bedingungen der realen unmöglichkeit den ideologischen raum zu verlassen. und wenn die kunst dafür das maul aufmalt, flüstert sie auf der indigenen sprache. das medium der kunst <= das medium der ideologie. da das letztere immer weiter unerschöpflich und mit einer eingeübten virtuosität fabriziert wird, wäre der allgemeine materialfortschritt der kunst ebenso unerschöpflich bzw. bis die kunst noch nötig bleibt.

ich bin schizo 9

POSTPROLEGOMENON 1
deleuze und guattari erörtern in «anti-ödipus» den begriff der schizophrenie über seine gewöhnliche verwendung in der psychoanalyse hinaus. die grundlegende idee besteht darin, dass der schizophrene bewusstseinzustand nicht nur die in der psychiatrie zu behandelnden “kranken” betrifft, sondern uns im kapitalismus befindlichen alle: das ganze leben wird durch die drangsal begleitet: man wird unverzichtbar gezwungen, zwischen der existenz und dem leben zu oszilieren, da der kapitalismus – um sich aufrechterhalten zu können – ständig spaltungen erzeugt und zwar total. wir sind patienten und die schizophrenie ist unser normalzustand. die frage des verhältnisses zwischen der(n) wirklichkeit(en) und der realität ist ein teil dieser diagnose. der patient ist stark von der schizophrenie betroffen, da seine haltung zu seiner handlung durch die ideologie gespalten ist: in dem sinne sind wir alle prenzlauerberger: man mag nicht, man macht mit, wir versuchen die realität anzufassen, sie vorsichtig anzutasten, wir glauben, dass wir uns durch das dichte gewebe durchschlüpfen können. dieser glaube ist wie immer teuflerisch täuschend und statt der realität erleben wir eine weitere spaltung durch das fangeisen auf der anderen seite.
ENDE DES POSTPROLEGOMENONS 1

ich bin schizo 8

die kunst muss unterscheidungen schaffen, sonst kann sie vom alltag nicht getrennt und als kunst nicht erkannt werden (luhmann). die kunst kreierte im laufe ihrer geschichte neue medien bis sie den logischen endpunkt dieses prozesses erreicht hat:

ein blick in die geschichte der kunst zeigt, daß naturale medien (wahrnehmungsmedien) zwar immer vorausgesetzt sind, aber daß die kunst sich im laufe ihrer entwicklung zusätzlich eigene medien schafft, und zwar deshalb, weil sie unterscheidungen anbringen will.

die verwendung der gesellschaft als medium wäre der logische abschluss einer solchen entwicklung, ihr non plus ultra. denn da die kunst als kommunikation selbst vollzug von gesellschaft ist, könnte sie sich dann auch selbst als medium verwenden und in einer art von logischem kurzschluß kollabieren, anstrengungen in dieser richtung, in der die kunst sich schließlich alles erlaubt, sind auf programmatischer ebene unschwer auszumachen.
(niklas luhmann, das medium der kunst)

oder mit anderen worten: die kunst hat ihr mittlerweile als allgemeinplatz geltendes ende des materiellen materialfortschritts erreicht, ohne dabei die schizophrenen schmerzen zu beseitigen. und die ideologie betreibt im transmedialen raum unaufhörlich ihr forschungsprojekt für das eigene kanalisieren, sie dringt durch und in jedes medium sowie in uns ein, egal ob durch klang, licht, luft, smartphone, tablet, instagram, facebook, fernsehen, radio, ampel, stuhl. mit ihren zwanghaft begehrbaren produkten und listigen lügen kurbelt sie unsere von ihr tückisch enteignete libido an, sodass wir zunehmend auf sie stehen. sie benutzt jede möglichkeit und durch den technischen fortschritt sind diese möglichkeiten unerschöpflich. sie überzeugt uns in der indiffirenz zwischen der realität und den von ihr selbst geschaffenen – und von uns sehbaren – wirklichkeiten, zwischen denen wir leben, bevorzugt sie aber mediale indifferenz und macht keinen unterschied, womit sie sich kanalisiert. anything goes für sie. sie ist universell und sie schafft immer neue universelle medien. sie konstruiert minutiös und aktualisiert regelmäßig ihre mediale sprache. und solange sich der menschliche körper noch einen minimalen autonomieraum leisten kann, ist diese “linguistik” in der form unerschöpflich. die evolution der ideologie hat den sachlichen materialstand der kunst längst überholt. und solange dies alles geschieht, bleibt auch die kunst bestehen, da die ideologie eine grenzlose quelle des materials anbietet.

ich bin schizo 7

1965 beschrieb dick higgins den ihm zeitgenössichen materialstand der kunst als intermedial. in seinem artikel «statement on intermedia» konstatierte er, dass immer wieder mehr kunstwerke entstehen, die mehrere medien miteinbeziehen und ihre wirkung auf der intermedialen ebene entfalten. nach dieser auffassung sind die medien noch trennbar. im kontext eines kunstwerkes kommt es zu wechselwirkungen und zum ineinanderdringen der medien, wobei es sich nicht um ein bloßes zusammensetzen handelt, sondern um eine fusion auf der inhaltlichen (und noch nicht auf der medialen bzw. physischen) ebene. jedes prämedium ist ein unverzichtbarer teil des kunstwerkes. higgins plädierte in dem text für das schaffen von werken nach dem paradigma. dabei nahm er bezug auf seine eigene arbeit sowie auf die werke u.a. von marcel duchamp, allan kaprow, robert rauschenberg, john cage und nam june paik.

durch den technischen fortschritt und die digitalisierung ist heutzutage die wahre zeit der intermedialität angekommen. dabei handelt es sich nicht mehr bloß um eine “konzeptuelle fusion” der medien, sondern um medienunspezifische phänomene, um eine art medienindifferenz (z.b. umsetzung desselben stoffes in verschiedenen medien). diese weitere stufe der hybridisierung lässt sich unter dem begriff der transmedialität zusammenfassen: die medien verschmelzen nun medial. und durch die digitalisierung wird diese transferenz erst möglich. dieses ineinanderdringen ereignet sich qualitativ im neuen, bisher nie dagewesenen umfang, da jedes medium die lingua franca spricht – die universelle sprache des bits. unter den bedingungen der totalen integration lässt es sich von einem medienverbund sprechen: der begriff des mediums versteht sich nur als pluraletantum.

davon ausgehend entsteht das kunstkonzept eines neuen gesamtdatenwerkes oder eines medialen gesamtkunstwerkes, das ontologisch intermedial sei, als hätten sich alle medialitäten und deren differenziale “an einem ort” eingefunden, damit wir sie da immer “im laufenden prozess beobachten können.
hier verschwinden die medialen unterschiede überhaupt; schrift, bild und ton bestehen bei der digitalen prozedur nicht aus dem eigenen material, sondern aus den im grunde genommen homogenen binären zahlen. sie strahlen vertrautheit wie analoge medialitäten der moderne aus, aber nur auf den polierten oberflächen, darunter bleiben sie reine ziffern.

durch die immer-noch-potenz der heutigen noch-nicht-postmedien etwas materielles zu repräsentieren, und zwar auf der lingua franca, ergibt sich der anschluss an die hier behandelte problematik der ideologiekritik: durch die immer-noch-repräsentation von dem wirklich objekthaften wird das thematisieren der ideologiekritischen dimension möglich im sinne der verhüllten differenz zwischen der realität und der wirklichkeit.

glasfaserkabel übertragen eben jede denkbare information außer der einen, die zählt – der bombe.

darüber hinaus lässt sich gegenwärtig ein anderes mediales phänomen beobachten, nämlich das der zunehmenden verschmelzung des menschlichen körpers und der medien. in diesem zusammenhang entsteht eine neue medialität: die postmedialität. im grunde genommen handelt es sich dabei um die verschiebung der grenzen von autonomieräumen: die maschine wird menschlicher und der mensch wird maschinenhafter, die handlungsautonomie des menschen löst sich zunehmend auf, da sein handeln durch die funktionsweise der maschine bestimmt wird. so beispielsweise schaffen gps-navigationssysteme situationen, die die menschliche handlung immens beeinflussen (selke). immer mehr “menschliche” aufgaben übernehmen produkte der technologie. und der mensch folgt der maschine maschinenhaft. das funktionsprinzip wird zum handlungsprinzip.

millionen tragen heutzutage implatate und neuroprothesen, die wichtige körperfunktionen übernehmen und wissenschaftler arbeiten an gehirngesteuerten computern. der mensch der zukunft ist also kein kranker mit prothesen, sondern ein gesunder superheld mit extratools. chinesische unternehmen lassen ihre mitarbeiter helme tragen, die den physischen und psychischen zustand der arbeiter einschätzen sollen, um die effizienz der produktion zu steigen: in einem chinesischen gulag wird ein sklave gekrönt: die ideologie bohrt ins herz. durch das permanente livelogging (allan, o‘hara, sonvilla-weiss) z.b. in form von stories in den sozialen netzwerken (byrne) verschmizt der ohnehin konstruierte lebenslauf mit dem server. heutzutage ist es immer bewölkt und das private gehört ebenso in die cloud.

wir beobachten seit jahrzehnten steigende miniaturisierung und dematerialisierung von heutigen medien. im zeitalter der postmedialität würden die grenzen zwischen den medien und dem menschlichen körper verwischen. durch das eindringen in den körper, in ihr nervensystem würden menschen einen konstanten zugang zur globalen cloud haben. auf diese art würde ein vernetztes cerebrum entstehen. dabei ist es auch nicht auszuschließen, dass alle wahrnehmungssinne zu einem und die medien eins mit dem körper werden. so würde sich das hypermedium herausbilden: der sich auf der entsprechenden evolutionsstufe befindende biocyborg der transhumanen gesellschaft.

wir leben in einem neuen stadium des kapitalismus, in dem materielle und immaterielle produktion, wissen, kommunikation und künstlerisches handeln in ein und demselben prozess der realwerdung einer kollektiven intelligenz verschmelzen.

der nächste konsequente schritt wäre die befreiung des menschlichen wesens von seiner dreckigen körperlichkeit und unnötigen sterblichkeit. in diesem sinne würde ideologie ihr heiß ersehntes ziel endlich erreichen: über die situation, in der der biocyborg auf der bionischen ebene aus der ideologie nicht austreten kann, zu der situation, in der der körper nicht mehr nötig sein wird und das mit den medien in der cloud fusionierte bewusstsein in der zukunft zum eigentlichen medium der ideologie wird: die ideologie und das bewusstsein werden endlich eins. die medien, wie wir sie kannten, würden als solche verschwinden und mit dem körper verschmelzen, was sie im ideologischen sinne höchst effizient machen würde. das wäre das logische ende/der neubeginn: die kunst – wie wir sie kennen – wäre dann nicht mehr nötig, da der mensch unsterblich wäre und die schizophrenen schmerzen durch die organische vereinigung der ideologie und des bewusstseins sowieso komplett behandelt wären: der kampf wäre irreversibel verloren. und eine violine wäre dann nur noch im museum zu sehen.

ich bin schizo 6

keksenlibido und autowaffenfrieden
klang als ein teil des konsumanreizsystems ist unabdingbar im bereich des industriellen designs: jeder keks, jede autotür, jede einkaufstüte muss angenehm klingen. isst man reichlich kekse, wird man dicker, man gibt geld für das fitness-studio aus, um das übergewicht loszuwerden, um sexuell begehrt zu sein. die kekse gehen ins libidinöse. ohne autos gibt es in deutschland keinen frieden und der krieg in form von waffen wird exportiert. klingt die bio-einkaufstüte gut, benutzt man diese gerne, trägt zur umweltrettung bei und wird wiederum ein besserer mensch. die wahre beichte findet wie immer an der kasse statt. die jagdpfeifen werden akustisch genauso wie funktionell oder äußerlich wie juwelen poliert.

david lynch: « ant head »

(via openculture)

realität

real das:

(via kraftfuttermischwerk)

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