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keyboardstück ii »spam« (2013)

1. der text des klavierstückes nr. 7 von wolfgang rihm wurde auf mikrophoniertem keyboard gespielt.

2. alle gespielten töne wurden intern im computer zu audio-dateien gemacht.

3. diese dateien wurden laut dem invertierten verteilungsplan der gema aus dem konzertsaal weggeschickt:
57% der töne – per e-mail an die angestellten der gema,
29% der töne – per e-mail an die angestellten von universal music und schott edition,
14% der töne – per post an wolfgang rihm.

die mails beinhalteten den folgenden text:

hallo und herzlichen glückwunsch!

das urheberrechtsgesetz behindert kreativität und sie sind einer von mehreren zuhörern der heutigen uraufführung des keyboardstückes ii »spam« von anton wassiljew für wolfgang rihms klavierstück nr. 7, mikrophoniertes keyboard und internet-anschluss.

zu hören ist ein klavierton aus dem klavierstück nr. 7 von wolfgang ihm. den ton finden sie im anhang dieser mail.

das keyboardstück ist ein hinweis auf den aktuellen stand des urheberrechtsgesetzes, das wenigstens im bereich der kunstmusik reformiert werden sollte: im rahmen vom heutigen urheberrechtsterror ist freie verwendung und umkontextualisierung vorhandener kunstwerke nur in form von kompletter verfremdung möglich.

das verfahren der verfremdung liegt dem stück von anton wassiljew zugrunde: der auf mikrophoniertem keyboard zu spielende text ist genau der notentext des klavierstückes nr. 7 von wolfgang rihm. durch die am gehäuse des keyboards befestigten kontaktmikrophone werden die tastenanschläge des keyboards verstärkt und durch drei lautsprecher zum klingen gebracht. die tastengeräusche sind das einzige, was im konzertsaal zu hören ist.

die eigentlichen gespielten töne des klavierstückes von rihm werden aus dem konzertsaal laut dem invertierten verteilungsplan der gema weggeschickt:
57% der töne – per e-mail an die angestellten der gema,
29% der töne – per e-mail an die angestellten
von universal music und schott edition,
14% der töne – müssten auch per e-mail an wolfgang rihm persönlich geschickt werden, aber herr rihm hat keine e-mail bzw. ist sie topsecret und wird nicht bekanntgegeben.
deswegen werden alle samples, die herrn rihm zu schicken sind, nach der aufführung auf einer bzw. mehreren cds gebrannt und per post zu ihm gesendet.

sie sind einer der empfänger dieser samples.

die aufführung des stückes hat an der hochschule für künste bremen am 28.mai 2013 stattgefunden.
am keyboard war philipp hövelmann.

es wurden keine gema-gebühren bezahlt, da das stück von wassiljew genau so wie das verwendete stück von rihm ein selbständiges kunstwerk ist.

4. mit den an herrn rihm geschickten tönen habe ich ein klavierstück in 3 sätzen komponiert und wolfgang rihm gewidmet. der sendung liegt dem brief bei:

sehr geehrter herr rihm,

anbei schicke ich ihnen 683 töne aus ihrem klavierstück nr. 7.

diese sendung ist ein teil meines keyboardstückes ii »spam« für wolfgang rihms klavierstück nr. 7, mikrophoniertes keyboard, live-video und internet-anschluss.

das urheberrechtsgesetz behindert kreativität. mein keyboardstück ist ein hinweis auf den aktuellen stand des urheberrechtsgesetzes, das wenigstens im bereich der kunstmusik reformiert werden sollte: im rahmen vom heutigen urheberrechtsterror ist freie verwendung und umkontextualisierung vorhandener kunstwerke nur in form von kompletter verfremdung möglich.

das verfahren der verfremdung liegt meinem stück zugrunde: der auf mikrophoniertem keyboard zu spielende text ist genau der notentext ihres klavierstückes. durch die am gehäuse des keyboards befestigten kontaktmikrophone wurden die tastenanschläge des keyboards verstärkt und durch drei lautsprecher zum klingen gebracht. die tastengeräusche sind das einzige, was im konzertsaal zu hören ist.

die eigentlichen gespielten töne ihres klavierstückes wurden aus dem konzertsaal laut dem invertierten verteilungsplan der gema weggeschickt:
57% der töne – per e-mail an die angestellten der gema,
29% der töne – per e-mail an die angestellten von universal music und schott edition,
14% der töne – per post an sie persönlich.

die aufführung des stückes hat an der hochschule für künste bremen am 28.mai 2013 stattgefunden.
am keyboard war philipp hövelmann.

es wurden keine gema-gebühren bezahlt, da mein stück genau so wie ihres ein selbständiges kunstwerk ist.

sie können eine kleine dokumentation des projektes unter http://usernamealreadyexists.net/?p=2324 finden.

mit freundliche grüßen,
anton wassiljew

bremen, 31.mai 2013

 
 

Nicolas Kretz antwort an musikFabrik

Das ensemble musikFabrik spielt gerne alte musik und zahlt hochschulabsolventen für einjähriges praktikum €5.40 die stunde unter folgenden bedingungen:

Gesucht wird für den Zeitraum 21.10.2013 – 20.10.2014 ein(e) Assistent(in). Der Arbeitsschwerpunkt liegt dabei im Projektmanagement.

Zu Ihren Aufgaben gehören:
Projektkoordination (Proben, Konzerte, Tourneen, Aufnahmen),
Kommunikation mit Veranstaltern,
Terminplanung und Erstellung von Probenplänen,
Reisedisposition,
allgemeine administrative Tätigkeiten.

Sie sollten:
mit Microsoft Word, Excel und Outlook sicher umgehen,
auch unter Druck strukturiert arbeiten,
Einsatzbereitschaft und Engagement mitbringen,
Englisch in Wort und Schrift sicher beherrschen.

Dieses Angebot richtet sich an Absolventen. Sie sollten sich für ein Jahr in der musikFabrik verpflichten können. Die Regelwochenarbeitszeit beträgt 40 Stunden und schließt Abend- und Wochenenddienste sowie die Begleitung von Konzertreisen ein. Wir bieten als Aufwandsentschädigung eine monatliche Pauschale von 950 EUR brutto an und übernehmen u.U. die Kosten für eine Monatsfahrkarte des öffentlichen Nahverkehrs.

link

Dabei handelt es sich um durchschnittlich 50 konzerte mit 30 uraufführungen jährlich. Das heisst ca. 4 konzerte mit 3 uraufführungen monatlich. Wer weiss, was

“Projektkoordination (Proben, Konzerte, Tourneen, Aufnahmen), Kommunikation mit Veranstaltern, Terminplanung und Erstellung von Probenplänen, Reisedisposition”

ist, weiss auch, dass all dies für €5.40 mit der genannten anzahl von veranstaltungen zu höchstens 25% geleistet werden darf.

Die stammkunden des ensembles sind Karlheinz Stockhausen, Mauricio Kagel, Georg Friedrich Haas, Helmut Lachenmann usw. Younghi Pagh-Paan setzt ihre und Wolfgang Rihm seine schüler durch. Eine glückliche familie auf sicheren institutionellen säulen. Das ist auch eine ganz typische situation im kulturbetrieb: am anfang hieß es “lebe lang”, das ende klang wie grabgesang. Stockhausen still serves imperialism.

Nicolas Kretz hat auf das stellenangebot mit der mail an musikFabrik reagiert:

Sehr geehrte Damen und Herren des Ensembles Musikfabrik,

ich möchte ihnen hiermit zu ihrer äußerst gelungenen Satire zur aktuellen Situation auf dem Arbeitsmarkt und dem im künstlerischen Bereich und dessen Umfeld gängigen Hang zur Selbstausbeutung gratulieren.

Schon mit der eröffnenden Selbstbeschreibung des Ensembles als einem Hort der kreativen Selbstbestimmung und demokratischer Organisationsstruktur, sowie des Internationalen Renomees, das mit den ausgesuchten Interpretationen sowie Auftragskompositionen einhergeht, gelingt es ihnen beim Leser eine wohlwollende Voreingenommenheit für das kommende zu erzeugen.

Hut ab für ihren Mut, sich selbst für diese Satire herzugeben, denn was folgt lässt einen das vorangegangene Wohlwollen doch recht schnell vergessen.

Es erinnert an die vielen Berichte in den Medien über die “Generation Praktikum” die sich – hochqualifiziert – von einem als “Chance auf Entwicklung” bezeichneten Praktikum zum nächsten hangelt und dabei harte Arbeit verrichtet, ohne dafür auch nur im Ansatz angemessen bezahlt zu werden.

Die von ihnen hier gestellten hohen Anforderungen, angefangen bei Sprach- und Computerkenntnissen sowie der Bereitschaft zu Überstunden und unter Druck gut arbeiten zu können, stehen exemplarisch für obengenanntes – fast wie aus einem Lehrbuch. Es wird sich hier ja nicht umsonst an Hochschul-Absolventen gewandt.

Das aufgerufene Bruttogehalt von 950 € ist eine schmerzhafte Erinnerung an das Fehlen eines einheitlichen Mindestlohnes, sowie ein mahnender Fingerzeig an alle Berufsanfänger, nicht jedem auf den ersten Blick attraktiven Jobangebot unüberlegt nachzugehen.

Geht man bei dem von ihnen so trefflich persiflierten “Job-Angebot”, von 22 Arbeitstagen im Monat aus, macht das 176 Stunden. 950 Euro entspricht dann einem Stundenlohn von weniger als 5,40 €. Nicht zu vergessen, brutto, d.h. netto bleibt noch weniger. Wie sollte man sich davon eine Wohnung finanzieren? Dazu in Köln, wo eine 1-Zimmerwohnung mit 16qm ab ca. 285 € kalt zu bekommen ist. (Kurzer Blick auf http://www.wg-gesucht.de/1-zimmer-wohnungen-in-Koeln.73.1.0.0.html). Von den Kosten für Nahrung und etwas Freizeitgestaltung ganz abgesehen.

Dass sie diesen Hungerlohn als Aufwandsentschädigung bezeichnen halte ich für eine gelungene Finte in Richtung der in der politischen Umgangssprache gebräuchlichen Euphemismen wie Job-Center, Leiharbeit oder Wiedereingliederungsmaßnahmen.

Auch entbindet dieses Wort den damit Angesprochenen davon, diese Stelle als Vollzeitarbeitsstelle zu sehen, da es sich – diesem Duktus gemäß – hierbei ja vor allem um eine Chance für BewerberInnen handeln soll, die

“sich für Neue Musik begeistern und gerne in einem kreativen Umfeld arbeiten”

und nicht um einen Knochenjob, in dem regulär das dreifache bezahlt wird.

Jedem der schonmal kurzfristig für eher wenig Lohn für die Sache der Kunst/Kultur gearbeitet hat, ist sich natürlich darüber im Klaren, dass nicht jede Einrichtung einen Mindestlohn o.ä. leisten kann. Aber davon ist hier ja auch nicht die Rede.

Da sie – wie eingangs erwähnt – diese Arbeitsstelle ja vorgeblich für ihr eigenes Ensemble anbieten, ist der letzte Punkt der Satire sicher die Unterfinanzierung, unter der hochrangige Musikalische Institutionen wie die ihre leiden.

Hier wird deutlich dass es nichts hilft wenn in einem Kuratorium vom Kulturdezernent der Stadt Köln bis hin zum Präsident des Deutschen Bundestages, alle wichtigen zuständigen Vertreter aus Kultur und Politik vertreten sind und dass die Finanzierung immer nur unter dem wünschenswerten Niveau bleiben kann, auch wenn eine Fördererliste (http://musikfabrik.eu/netzwerk/aktuelle-foerderer.html) einen anderen Eindruck erwecken mag.

Unter welchen Umständen als unter chronischem, existenziellen Geldmangel, sollte ein Ensemble mit ihren Meriten sonst ein derartig auf die längerfristige Ausbeutung eines jungen Menschen angelegtes Angebot unterbreiten?

Ich möchte abschließend noch einmal betonen, für wie mutig ich es von ihnen halte, ihren eigenen Namen in diesen Text einzubringen, der schmerzhaft an die bestehenden Unzulänglichkeiten erinnert, die leider gängige Praxis sind.

Ich hoffe dass er allen eine Mahnung ist, dass junge Menschen für den Kulturbetrieb nicht zum Nulltarif zu haben sind.

Mit hochachtungsvollen Grüßen

Nicolas Kretz

Student der Elektronischen Komposition am ICEM Essen

(via couldntfindabomb)

shizophrene institutionen

jeder kritischer bezug zum kapitalismus ist schizophren. um das zu kapieren, braucht man bücher von deleuze+guattari nicht unbedingt gelesen zu haben.
es handelt sich nämlich und das grundmuster des kritischen verhaltens des menschen in der kapitalistischen gesellschaft: man findet das alles nicht so toll, man braucht aber kohle.

im zusammenhang damit habe ich hier ein paar projekte skizziert, die schizophrenie unter komponisten überspitzen könnten:

1. der heckler-und-koch-bundeswehrkompositionswettbewerb: 100% gewinngarantie!

2. das gazprom-stipendium, lebenslang. die förderung http://deutsche-edpharm.com wird in barrels oder ausgezahlt.

3. das kompositionsstipendium des landes äthiopien, 100% gewinn-garantie, lebenslang.
die förderung wird in form von humanitärer hilfe ausgezahlt.

4. förderung der ndp für junge komponisten: für jeden, der sich ein bisschen nazi fühlt.

5. das stipendium der stadt sankt-peterburg für junge lgbt-komponisten_innen-aktivist_innen unter der schirmherrschaft von witali milonow.

6. mordwinische ferienkurse für zeitgenössische protest-komposition. dozenten: nedeschda tolokonnikowa, marija aljochina, jekaterina samuzewitsch. bewerbungen bitte an putin@kremlin.ru schicken.